Nicht-technikzentriert
Industrie 4.0 Konzepte. Nicht-technikzentriert
(laufendes Projekt im Forschungsprogramm Weiterbildungskonzepte)
Hinweis: Zur leichteren Lesbarkeit sind bei rein femininen und maskulinen Schreibweisen immer beide Geschlechter gemeint.
Einführung in häufig verwendete nicht-technische Begriffe und Konzepte
- Wertschöpfungsketten, Wertschöpfungsnetzwerke
Traditionelle betriebswirtschaftliche Überlegungen zur Wertschöpfung weichen Wertschöpfungsketten und Wertschöpfungsnetzwerken.
In Produktionsbetrieben entsteht Wertschöpfung hauptsächlich durch Verarbeitungsprozesse, welche aus Rohmaterial und anderen Inputfaktoren ein höherwertiges Produkt erstellen. Vereinfacht gesagt ist Wertschöpfung derjenige Anteil an der betrieblichen Leistung (dem Produkt), der vom Betrieb selbst erbracht wird. Aber auch Marketing, Nachbetreuung und verwandte Dienstleistungen können zur Wertschöpfung gerechnet werden.
Wertschöpfungsketten entstehen beispielsweise durch Einbeziehen der Wertschöpfung von Kooperationspartnern, aber auch über den gesamten Lebenszyklus eines Produktes hinweg. Durch die im Industrie 4.0 - Konzept inhärente Digitalisierung und Vernetzung können sich höhere Wertschöpfungen ergeben als bei Einzelplatzsystemen. Verbesserungspotenziale bestehen beispielsweise durch ide Verknüpfung der Bereiche Einkauf, Lagerhaltung und Logistik.
Schließlich bezeichnen manche Autoren adaptive und selbstlernende Mensch-Maschine - Systeme, aufbauend auf den Digitalen Schatten (siehe oben), die Grundlage für lernende Wertschöpfungssysteme.1
- Weiterbildung für Industrie 4.0: formale / nicht-(non-)formale / informelle Lernprozesse
Die Unterscheidung zwischen formale, nicht-formale (auch: non-formale) Lernprozesse ist besonders für das lebenslange und lebensbegleitende Lernen (LLL) wichtig. Für die Weiterbildung im Kontext von Industrie 4.0 ist diese Unterscheidung besonders relevant: Welche Art von Kompetenzen / Kompetenzprofile (siehe unten) sollen durch welche Art von Lernprozesse vermittelt werden? Hierzu gibt es Vorstellungen, aber noch wenig Erfahrung.
Formale Lernprozesse finden in staatlich anerkannten Bildungseinrichtungen statt, beispielsweise Schule und Universität. Sie sind gekennzeichnet durch standardisierte Lehrpläne und Lernerfolgsüberprüfungen und sind zeitlich und geografisch strukturiert. Anerkennung des Lernerfolgs ist staatlich geregelt.
Nicht-formale (non-formale) Lernprozesse sind kurzfristiger als formale und finden häufig in nicht-staatlichen Bildungseinrichtungen statt. Zielgruppe sind oft Personen, die bereits im Arbeitsleben stehen oder gestanden sind. Solche Lernprozesse werden daher auch oft zu den Aus- und Weiterbildungen gezählt. Lernerfolgsüberprüfungen sind wenig standardisiert, deren Anerkennung ist vom Ruf des Bildungsinstituts abhängig, der wiederum vom tatsächlichen Wissenstransfer der Lernenden abhängt.
Lernen am Arbeitsplatz findet häufig in Form von informellen Lernprozessen statt. Sie sind selten gut strukturiert und daher nicht vergleichbar, Anerkennung über erfolgten Wissenstransfer ist ebenfalls selten. Trotzdem: Vielen Studien zufolge ist der Großteil unseres Lernens informell.
Eine bessere Strukturierung, Durchführung und Anerkennung informeller Lernprozesse sollte ein wichtiges Handlungsfeld darstellen.
Es gibt auch noch andere Kategorisierungen von Lehr- und Lernprozessen, beispielsweise lehrerzentriertes vs. lernerzentriertes Lernen oder intentionales Lernen (mt bewusst gewählten Lernzielen) vs. funktionales Lernen (unerwartete Lernerfolge, als positive "Nebenwirkung").
Eine nützliche Einführung in das Thema findet sich im Portal für Lehren und Lernen Erwachsener, www.erwachsenenbildung.at unter "Was ist LLL / Lernformen".
- Weiterbildung für Industrie 4.0: Kompetenzanforderungen, Kompetenzprofile
Wenn im Zusammenhang mit dem rasanten Wandel in der Industrie und in der Wirtschaft und Gesellschaft im Allgemeinen ein entsprechender Wandel in der Bildung, einschließlich Aus- und Weiterbildung gefordert wird, dann meist hinsichtlich Fachkompetenzen. Mechaniker, Buchhalter, Dienstleister aller Art benötigen IKT (Informations- und Kommunikationstechnik) - Kenntnisse, da manuelle Tätigkeiten digitalisiert und automatisiert werden - Berufe verschwinden, neue werden geschaffen.
Fachkompetenzen können unterteilt werden in:
- Faktenwissen (Terminologie, Begriffe, spezifische Details)
- Konzeptwissen (Klassifikationen, Kategorien, Prinzipien, Verallgemeinerungen, Theorien, Modelle, Strukturen)
- Wissen über Abläufe (spezielle Techniken und Methoden, spezielle Fertigkeiten und Algorithmen, Kriterien zur Entscheidung über Abläufe).
Die Vermittlung von Grundlagen (bei Master- und Doktoratsstudien auch der Aufbau) von Faktenwissen und Konzeptwissen liegt in der Verantwortung des formalen Bildungsbereichs.
Die zunehmende Spezialisierung bringt es mit sich, dass spezialisiertes Wissen über Abläufe an den Arbeitsplätzen vermittelt werden müssen. Um diese informellen Lernprozesse nachhaltig zu gestalten ist es sinnvoll, sie von Bildungsinstituten aus dem nicht-formellen Bereich begleiten zu lassen. Die Bildungsinstitute sind für eine didaktische Durchführung verantwortlich, als Grundlage zur Anerkennung der erreichten Lernziele durch die Lernenden. Das Unternehmen selbst hat den Vorteil, dass solche Lernprozesse als nicht-formale Weiterbildung gelten können, in enger Zusammenarbeit mit Personalabteilung und Betriebsräten. Bereits heute existieren rechtliche Grundlagen, dass formale Bildungsinstitute (einschließlich Fachhochschulen und Universitäten) auf nicht-formalem Weg erworbenes Wissen anerkennen dürfen. Was fehlt ist der Wille und die erforderliche politische Unterstützung.
Der formale Bildungsbereich selbst ist gefordert, die Vermittlung von a) Fachkompetenzen auf ein aktuelles Niveau zu heben und b) Selbstkompetenzen, Sozialkompetenzen und Metakompetenzen in ihre Lehr- und Studienpläne aufzunehmen.
Zu a) Aktualisierung der Fachkompetenzen
Der formale Bildungsbereich muss sich bewusst sein, dass die Vermittlung von Grundlagen (bei Master- und Doktoratsstudien auch der Aufbau) von aktuellen Fachkompetenzen gefordert ist. Für die in immer kürzeren Abständen neu benötigten Spezialisierungen müssen Unternehmen die Verantwortung aufbringen. Der Fokus ist auf aktuell, hierzu ein Beispiel:
Die Kostenrechnung verwendet den Wertmäßigen Kostenbegriff sowie die Deckungsbeitragsrechnung nach Schmalenbach (1903). Die Deckungsbeitragsrechnung gilt auch heute, nach über 100 Jahren, noch als eine der fortschrittlichsten Kostenrechnungssysteme. Alle Universitäten im deutschsprachigen Raum lehren Betriebswirtschaft auf Grundlage dieser und anderer Begriffe, viele davon ebenfalls von Schmalenbach. Ohne den genialen Verdienst von Schmalenbach kleinreden zu wollen, drängt sich doch die Frage auf, wie weit diese Konzepte einer Industrie 4.0 - Umgebung mit Wertschöpfungssystemen gerecht werden können.
Zu b) Selbstkompetenzen, Sozialkompetenzen und Metakompetenzen
Die Vermittlung dieser Kompetenzen sollte ureigenste Aufgabe des formalen Bildungsbereichs sein. Der Begriff der Bildung wird in Abhängigkeit der jeweiligen politischen Einstellung unterschiedlich definiert, im Kern gilt jedoch immer, dass Bildung dem Menschen dazu verhelfen soll, sein Leben selbstbestimmt zu führen. Die erwähnten Kompetenzen sind Voraussetzung dafür, werden jedoch vom formalen Bildungsbereich vernachlässigt.
Die Herausforderungen durch den Wandel zur Industrie 4.0 sind eine Chance, den formalen Bildungsbereich an ein fundamentales Bildungsziel zu erinnern: die langfristige Befähigung des Menschen zur selbsbestimmten Bildung und Handlungsfähigkeit. Selbstkompetenzen wie die Fähigkeit zur Selbständigkeit und Verantwortungsübernahme, Reflexivität und Lernkompetenz sind in gleichem Maße für persönliche Bildungsziele als auch für die Herausforderungen neuartiger Arbeitsplätze Voraussetzung.
Sozialkompetenzen wie die Fähigkeit zur Mitarbeit in Teams und zur Führung von Teams, zur Kommunikation und zur Mitgestaltung von Teams sind ebenfalls notwendige Voraussetzungen.
Schließlich sind Meta-Kompetenzen gefordert, also "Kompetenzen über Kompetenzen". Dazu gehört die Fähigkeit, die Schwierigkeiten von Aufgaben einschätzen zu können; Einschätzungen über situationsspezifisches Wissen treffen zu können (welches Wissen muss ich in dieser Situation anwenden?): sowie die Fähigkeit das eigene Wissen und das anderer einschätzen zu können.
1 Vgl. Bauernhansl et al., (2016) Zurück zum Text
Literatur
Bauernhansl, Thomas; Krüger, Jörg; Reinhart, Gunther; Schuh, Günther (2016). WGP-Standpunkt Industrie 4.0. Darmstadt: Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik WGP e.V.