Beschreibung der Hauptstudie

1. Überlegungen zur Art des Konstrukts "Subjektiver Lernerfolg"

Zitation: Hamminger, Leopold (2020). Hauptstudie "Subjektiver Lernerfolg". Überlegungen zur Art des Konstrukts "Subjektiver Lernerfolg". Ebensee: EVVHS.

Korrespondenz an: l.hamminger (at) evvhs.eu

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Das Konstrukt "Subjektiver Lernerfolg" wird in der Literatur (insbesondere der Erwachsenenbildung) häufig als die persönliche Einschätzung Lernender verstanden, welcher objektiver Lernerfolg (bspw. gemessen in Schulnoten) vorliegt. So kann es von Interesse sein, Lernende unmittelbar nach einer Prüfung nach ihrer Einschätzung zu fragen, welche Note sie erwarten (subjektiver Lernerfolg) um diese mit der tatsächlich erreichten Note zu vergleichen (objektiver Lernerfolg).

Für dieses Forschungsprogramm hat "Subjektiver Lernerfolg" eine unterschiedliche Bedeutung. Gemeint sind persönliche Einstellungen oder Überzeugungen zu Lernwirkungen, die das eigene Lernen bewirken können, also Lernerfolg im weiteren (subjektiven) Sinne. Neben Prüfungsnoten kann das die Freude über eine bestandene Prüfung in einem Angstfach sein. Auch die Genugtuung nach einer praktischen Umsetzung des Gelernten, das Gehörtwerden in einer Gruppe oder eine bessere Ausdrucksweise kann als subjektiver Lernerfolg verstanden werden.  

Diese ganz persönlichen Begründungen von Lernerfolg haben ihren Ursprung in den Begründungen warum es überhaupt zu Lernhandlungen (in der Erwachsenenbildung) kommt. Dies wird im Kapitel Theoretisches Modell (Link öffnet im neuen Fenster) näher betrachtet.

Zur Besprechung des Konstrukts ist das Verständnis wichtig, dass nach Holzkamp (bspw. 1993) Lernbegründungen in zwei Kategorien geteilt werden können: expansives und defensives Lernen. Subjektiver Lernerfolg ist damit der Überbegriff für diese beiden Kategorien (es existieren keine weiteren). 

Nach Holzkamp ist die Lernbegründung Expansives Lernen der Überbegriff für die drei Kategorien Gegenstandsaufschluss (auch: Weltaufschluss), Verfügungserweiterung und Lebensqualitätserhöhung (es existieren keine weiteren). Für Defensives Lernen existiert eine einzelne Kategorie: Bedrohungsvermeidung.

Zur Verwendung relevanter statistischer Methoden muss die Art des Konstrukts geklärt werden: reflektiv oder formativ. Unterschiedliche Bezeichnungen existieren, wie die folgende Tabelle zeigt:

Unterschiedliche Bezeichnungen von Konstruktarten
Autoren Kategorie I Kategorie II
Eberle, Giere, Jarvis reflektiv formativ
Jarvis (alternativ) Hauptfaktor zusammengesetzte latente Variable
Law latent Aggregat / Profil
Petter reflektiv (nur eindimensional) formativ (mehrdimensional möglich)

Anmerkung: Aus Platzgründen wurden die Autoren in der Tabelle abgekürzt angezeigt. Die Referenzen zur Literatur sind wie folgt:

Eberl: Eberl (2004)

Jarvis: Jarvis, MacKenzie and Podsakoff (2003)

Petter: Petter, Straub and Rai (2007)

Giere: Giere, Wirtz and Schilke (2006)

Law: Law, Wong and Mobley (1998).

Im weiteren Verlauf wird von reflektiven und formativen Konstrukten (Messmodellen) gesprochen. In der Literatur wird für Messmodell auch die Bezeichnung Spezifikation verwendet. Eberl (2004, 2) weist darauf hin, dass der Begriff der Spezifikation im weiten Sinn zu verstehen ist: Einerseits wird darunter die zu Grunde liegende "reale" Kausalbeziehung der Konstrukte und ihrer Indikatoren, andererseits auch die hypothetisierte Kausalbeziehung verstanden.

Kausalität

Die Frage der Kausalität ist eine wissenschaftsphilosophische, Grund für zahlreiche Debatten in der Literatur. Es gibt jedoch prinzipielle Einigkeit hinsichtlich vier Merkmale (vgl. Edwards & Bagozzi, 2000, 157f):

  1. Kausalität erfordert, dass Ursache (cause) und Wirkung (effect) klar unterschiedliche Einheiten sind. Wenn zwei Variable nicht unterschiedlich sind, dann ist ihr Zusammenhang tautologisch, man sollte daher nicht von Kausalität sprechen.
  2. Kausalität erfordert Zusammenhang, der üblicherweise probabilistisch und nicht definitorisch verstanden ist. Das bedeutet, dass die Ursache eine wahrscheinliche Wirkung ausübt, aber nicht garantiert, dass eine Wirkung eintritt.
  3. Kausalität erfordert eine zeitliche Folge in der Form, dass die Ursache vor der Wirkung auftritt - auch wenn dies nahezu gleichzeitig der Fall ist.
  4. Kausalität erfordert die Beseitigung rivalisierender Erklärungen für den vermuteten Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung (die wahrscheinlich schwierigste Forderung).


Arten der Konstruktspezifikation

1. Reflektive Spezifikation

Die latente Variable ist die kausale Ursache der Ausprägungen der manifesten Variablen. Die Annahme ist, dass - Messfehler vernachlässigt - Veränderungen der latenten Variablen zu Veränderungen aller manifesten Indikatoren gleichermaßen führen. Eberl (2004, 3) bezeichnet sie daher als beispielhafte Manifestierungen der latenten Variablen, da sie a priori austauschbare Messungen für sie darstellen: "Als Beispiel für reflektive Indikatoren kann das Konstrukt Kundenzufriedenheit genannt werden: Wiederkauf- und Weiterempfehlungsabsicht als beispielhafte Indikatoren verändern sich immer in Folge und kausal verursacht durch den dahinter stehenden Faktor Zufriedenheit." (ebenda).

Diese Annahme entspricht dem domain-sampling model von Nunnally: Das definitorische Umfeld (domain) umfasst alle manifesten Variablen, die das latente Konstrukt konzeptionell ausmachen und bilden dadurch das "Indikatorenuniversium des Konstrukts". Dies ist zwar praktisch nicht durchführbar, allerdings bedeutet die Annahme auch, dass diese unendliche Anzahl von Indikatoren durch ihren gemeinsamen Kern untereinander korrelieren. Damit besitzen die Indikatoren eine gleich hohe Validität und sind - eine gleich hohe Reliabilität vorausgesetzt - beliebig austauschbar. (s. ebenda)

Konstruktspezifikation reflektiv

Reflektives Messmodell

(Quelle: Eberl, 2004, 3) 

Gäbe es keine Messfehler, so würde im reflektiven Spezifikationsmodell eine perfekte Korrelation zwischen den Indikatoren bestehen. Die Güte dieses Messmodells zeichnet sich daher durch eine möglichst hohe Korrelation zwischen den Indikatoren aus. Wenig korrelierende Items stammen daher annahmegemäß nicht aus dem Indikatorenuniversum des Konstrukts und sind zu dessen Operationalisierung nicht geeignet. 


2. Formative Spezifikation

Die Ausprägungen der manifesten Variablen verursachen die latente Variable, die Kausalität verläuft damit umgekehrt wie bei der reflektiven Spezifikation.

Konstrukt formativ

Formatives Messmodell

(Quelle: Eberl, 2004, 5) 

Genau genommen haben die manifesten Variablen im formativen Spezifikationsmodell nicht den Charakter von Indikatoren. In der Literatur findet man trotzdem diese Verwendung, sie sind dann nicht im faktorenanalytischen Sinn zu verwenden: "Rather, they are exogenous measured variables that influence the composite defined as a causal indicated variable" (MacCallum/Browne, 1993, in Eberl, 2004, 5).

Im formativen Modell stehen die manifesten Variablen der latenten Variablen zeitlich vor und beeinflussen diese kausal. Jede Veränderung einer einzelnen manifesten Variablen verändert die latente Variable. Andere manifeste Variable verändern sich nur dann, wenn eine kausale Korrelation zwischen den manifesten Variablen besteht. 

Ebenso müssen sich bei der Veränderung der latenten Variable nicht notwendigerweise alle oder einige manifeste Variable ändern - auch die Veränderung einer einzigen manifesten Variable ist möglich. Die manifesten Variablen können als Bausteine des latenten Konstrukts verstanden werden, weshalb sie auch "formativ" genannt werden. Eberl bringt als Beispiel das Konstrukt Sozioökonomischer Status (SES): "Bildung, Einkommen und Prestige des Berufs müssen nicht notwendigerweise korrelieren und bilden doch definitorische Bestandteile des Zielkonstrukts." (ebenda)

Reliabilität und Validität des formativen Messmodells können nicht durch Faktorenanalyse oder Cronbachs alpha überprüft werden, da die manifesten Variablen auch bei Korreliertheit unabhängig voneinander inhaltlich für das Konstrukt bestimmend sind. Würde man aus Gründen niedriger Korrelation Items entfernen (wie im reflektiven Modell), so würde sich dadurch die Inhaltsvalidität des Konstrukts ändern. 

Ein weiteres wichtiges Merkmal des formativen Messmodells liegt darin, dass die manifesten Variablen - als kausale Bestandteile der latenten Variablen - keine Fehlerterme besitzen: "Messfehler existieren nur auf Ebene der Latenten ... Der Fehlerterm wird dabei als mit den Indikatoren unkorreliert angenommen" (Diamontopolous/Winklhofer, 2001, in Eberl, 2004, 8).

Eberl schlägt folgende Vorgehensweise bei der inhaltlichen Ausgestaltung und Operationalisierung des Konstrukts vor:

  • Als erster Schritt ist eine umfassende Definition des zu untersuchenden Konstrukts zu erstellen, also die Bestimmung des definitorischen Umfelds. Für formative Konstrukte ist die Bedeutung der manifesten Variablen ungleich größer.
  • Bei der Auswahl der manifesten Variablen ist jedoch anders als bei reflektiven Indikatoren vorzugehen: Die inhaltliche Vollständigkeit ist zu beachten, auch wenn sie wenig greifbar bleibt. Die Überprüfung von Reliabilitäten im Sinne von Item-To-Total-Korrelationen ist bei formativen Konstrukten kontraproduktiv, im Vordergrund stehen inhaltliche Gesichtspunkte. Einzig sinnvolles Gütekriterium auch im Rahmen der Indikatorenbereinigung ist die externe Validität.
  • Während unter dem faktorenanalytischen Weltbild zwischen den Items eines reflektiven Messmodells hohe Korrelation gewünscht ist und für die Validität der Messung spricht, ist dies bei einem formativen Messmodell problematischer. Sind zwei Indikatoren hoch miteinander korreliert, kann auch im formativen Fall auf einen der beiden verzichtet werden, ohne die Messung substanziell zu verändern.

(nach Eberl, 2004, 10).

Bestimmung der Spezifikationsart

Ob ein Konstrukt reflektiv oder formativ spezifiziert werden soll, war in der Literatur vor 2000 selten im Fokus der Diskussion: "[l]ittle attention has been devoted to the conditions in which measures should be specified as reflective or formative in the first place" (Edwards/Bagozzi, 2000, 156). Es ist durchaus vorstellbar, dass Konstrukte - insbesondere Einstellungen - je nach Kontext sowohl formativ als auch reflektiv spezifiziert werden können (vgl. Rossiter, 2002, in Eberl, 2004, 15).

Eberl schlägt die Bildung einer Spezifikationshypothese vor, die im überprüft wird und im Ergebnis entweder das formative Modell verworfen und das reflektive nicht widerlegt wird, oder das reflektive Modell verworfen und das formative nicht widerlegt wird. Dieser Vorschlag räumt theoretischen Gesichtspunkten eine überragende Rolle ein:

Eberl Spezifikation der Konstruktart

Eberl weist darauf hin, dass die Rückkopplungspfeile in der Abbildung keinesfalls dahingehend interpretiert werden sollen, dass im Sinne eins "Trial-and-Error-Vorgehens" die Konstruktspezifikation so lange verändert wird, bis das Testergebnis akzeptabel ist: "Gegebenfalls muss man das Ergebnis akzeptieren, ein theoretisch fundiertes, jedoch in Bezug auf Gütemaße unbefriedigendes Messmodell spezifiziert zu haben." (ebenda).

Bestimmung der Spezifikation des Konstrukts "Subjektiver Lernerfolg"

Betrachtet wird die unterste Dimension des theoretischen Modells, die Zuordnung der Items sind unter Empirische Ergebnisse aufgeführt. (siehe Theoretisches Modell, und Empirische Ergebnisse, Links öffnen im neuen Fenster). Die Entscheidungsfragen sind (1) Fornell/Bookstein (1982), (2) Bagozzi (1984), (3) MacCallum/Browne (1993); Law/Wong (1999); Rossiter (2002), aus Eberl, 2004, 18, entnommen. 

  1. Sind die Indikatoren des Konstrukts eher als Realisationen eines Faktors zu betrachten, der etwas Beobachtetes zur Folge hat (reflektiv), oder ist das Konstrukt als erklärende Kombination von Indikatoren konzipiert (formativ)? Das Konstrukt wird als Realisationen der Indikatoren verstanden: reflektiv.
  2. Ergibt sich die Bedeutung der Indikatoren aus der Bedeutung des Konstrukts (reflektiv) oder ergibt sich die Bedeutung des Konstrukts aus der Bedeutung der Indikatoren (formativ)? Die Bedeutung der Indikatoren ergibt sich aus der Bedeutung des Konstrukts: reflektiv.
  3. Repräsentieren die Items eher Konsequenzen (reflektiv) oder Ursachen (formativ) des Konstrukts? Die Items repräsentieren Konsequenzen des Konstrukts: reflektiv.  

Die obigen Entscheidungen zu den obigen Fragen, die auf ein reflektives Modell hinweisen, wurden als einigermaßen gesichert angenommen. Weniger klar sind Entscheidungen zu den folgenden Fragen:

  1. Ist das Konstrukt eine hinter der beobachteten Variable stehende Erklärung (reflektiv) oder vielmehr eine erläuternde Kombination aus den Beobachteten (formativ)?
  2. Messen die Indikatoren alle "das Gleiche" im engeren Sinne (reflektiv)?
  3. "Is it necessarily true that if one of the items (assuming all coded in the same direction) were to suddenly change in a particular direction, the others will change in a similar manner" (reflektiv)?
  4. Sind die Indikatoren dieses Konstrukts untereinander beliebig austauschbar (reflektiv)?

Diese Entscheidungsfragen stammen aus: (1) Fornell/Bookstein (1982), (2) Bagozzi (1984), (3) Chin (1983b), (4) Jarvis et al., (2003), aus Eberl, 2004, 18.

Die Entscheidung für das reflektive Spezifikationsmodell kein nicht als vollständig gesichert angenommen werden. Da es aber weniger klare Entscheidungen für ein formatives Modell gibt, wird dem reflektiven der Vorzug gegeben.


Literatur

Eberl, M. (2004). Formative und reflektive Indikatoren im Forschungsprozess: Entscheidungsregeln und die Dominanz des reflektiven Modells. Schriften zur Empirischen Forschung und Quantitativen Unternehmensplanung. Heft 19 / 2004. Ludwig-Maximilians-Universität München.

Edwards, Jeffrey R.; Bagozzi, Richard P. (2000): On the Nature and Direction of Relationships Between Constructs and Measures. In: Psychological Me-thods, Vol. 5, No. 2, S. 155-174.

Giere J., Wirtz, B.W. & Schilke, O. (2006). Mehrdimensionale Konstrukte. Konzeptionelle Grundlagen und Möglichkeiten ihrer Analyse mithilfe von Strukturgleichungsmodellen. Die Betriebswirtschaft, DBW 66 (2006) 6, 678-695.

Jarvis, C.B., Mackenzie, S.B. & Podsakoff, P.M. (2003). A Critical Review of Construct Indicators and Measurement Model Misspecification in Marketing and Consumer Research. In: Journal of Consumer Research. Vol. 30, September 2003, pp. 199-218.

Law, K.S., Wong, C.S., & Mobley, W.H. (1998). Toward a Taxonomy of Multidimensional Constructs. Academy of Management Review 1998, Vol. 23 Nr. 4, pp 741-755.

Petter, S., Straub, D. & Rai, A. (2007). Specifying formative constructs in Information Systems Research. MIS Quarterly, Vol. 31 No. 4, December 2007, pp. 623-656.